Books

5
Feb
2008

Werbung für "Die Wohlgesinnten"

Die FAZ will ein Buch unter die Leute bringen. Es heisst "Die Wohlgesinnten" uns stammt von Jonathan Littell. In deutscher Sprache wird es erst in einigen Wochen erscheinen. Doch die FAZ hat dafür bereits einen Reading Room eingerichtet und versucht den Leuten einzutrichtern, dieses Buch gehöre zu den verständnis fördernden Werken für den 2. Weltkrieg.
Doch "Die Wohlwollenden" ist nur eine erfundene Geschichte - ohne Bezug zur Realität. Warum also sollte es das Verständnis für den Nationalsozialismus fördern?

21
Jan
2007

Viginia Woolf - die Briefe

Virginia Woolfs Briefe, die zu ihrem 125. Geburtstag erstmals auf Deutsch erscheinen, zeigen die düstere Klassikerin der Moderne als lebenskluge und oft hinreissend witzige Autorin.
Manfred Papst hat sie gelesen und rezensiert. Am 28. März 1941 ging Virginia Woolf von Monk's House in Rodmell, Sussex, eine halbe Meile zu einem Fluss namens Ouse, füllte ihre Taschen mit Steinen und stürzte sich ins Wasser. Erst drei Wochen später fanden Kinder ein kleines Stück flussabwärts ihre Leiche. Im Abschiedsbrief an Leonard Woolf, ihren Gatten, hatte die 59-Jährige geschrieben: «Liebster, ich möchte Dir sagen, dass Du mir vollkommenes Glück geschenkt hast. Niemand hätte mehr tun können, als Du getan hast. Bitte glaub das. Aber ich weiss, dass ich das hier nie überwinden werde: und ich vergeude Dein Leben. Es ist dieser Wahnsinn.»
Wir sind gewohnt, Virginia Woolf ganz von ihrem verzweifelten Ende her zu sehen. Ihr Leben wie ihr Werk scheinen in eine fahle Düsternis von Zwang und Scheu, Depression und Schlaflosigkeit getaucht zu sein. Ein diffuses Licht liegt selbst über ihren Romanen «Mrs. Dalloway», «To The Lighthouse» und «The Waves», diesen Meisterwerken einer behutsamen Dekomposition und Meilensteinen der Moderne. Wir wissen heute, welchem Schmerz sie abgerungen waren.
Und wir wissen auch, dass die «Heilmethoden» jener Zeit - monatelange Aufenthalte in Privatkliniken, fettreiche Zwangsernährung, Verbot jeglicher geistigen Tätigkeit - für die fragile Frau alles noch schlimmer machten. Anders als bei Dichtern von Hölderlin bis zu Robert Walser aber lag die Macht über die Diagnose Wahnsinn nicht bei der Aussenwelt: Virginia Woolf selbst nannte ihren angstvoll beobachteten Zustand, der sie seit ihrem 13. Jahr quälte, beim Namen. Sie war, wie ihre Biografin Hermione Lee festgehalten hat, «nicht schwach oder hysterisch oder schuldig oder unterdrückt, und sie erlag auch keinen Selbsttäuschungen».
Das einzige probate Mittel, das die Dichterin gegen ihre Schwermut und die sie quälenden Stimmen fand, war das Schreiben. Ihr Leben lang suchte sie sich in schriftlicher Form auszudrücken; daneben betrieb sie mit ihrem Mann die Verlagsgeschäfte der Hogarth Press und stand dem Haushalt vor. Neben ihren Romanen und Erzählungen verfasste sie - bis zum ersten grossen Erfolg mit «Orlando» (1928) durchaus auch aus wirtschaftlichen Gründen - rund 600 Rezensionen, Essays, Vorträge. Und gemäss der Definition Thomas Manns, nach welcher der Schriftsteller einer ist, dem das Schreiben schwerer fällt als anderen Leuten, plagte sie sich oft mit diesen Texten.
Was uns als schwebende, vollkommen geglückte Prosa erscheint, ist das Ergebnis eiserner Disziplin und etlicher Überarbeitungen. Ihr poetisches Programm indes brachte Virginia Woolf in einem Brief vom 16. 3. 1926 an ihre Geliebte und Freundin Vita Sackville-West auf den Punkt: «Stil ist eine sehr einfache Sache, nichts als Rhythmus. Sobald man den gefunden hat, kann man keine falschen Wörter benutzen.» Dann aber fährt sie fort: «Das, was Rhythmus ist, ist wirklich sehr tiefgründig und geht viel tiefer als Worte. Ein Anblick, ein Gefühl bewirkt diese Welle im Geist; lange bevor er die dazu passenden Worte formuliert.»
Einen Gegenpol zu den Exerzitien der dichterischen Prosa bilden Virginia Woolfs Tagebücher und Briefe. In diesen rasch hingeworfenen, nicht zur Publikation vorgesehenen Schriften äussert sie sich spontan. Hier probiert sie Sprachbilder aus, notiert Reiseeindrücke und Lektüreerlebnisse, hier karikiert sie Freunde und Bekannte. Doch während sie sich in den Tagebüchern auch über ihre Ängste und Krisen Rechenschaft gibt (allerdings unter strikter Aussparung der sexuellen Sphäre), zeigt sie sich in ihren Briefen als lebenskluge und souveräne, übermütig fabulierende, mit ihrem Witz alle Konventionen in den Wind schlagende Erzählerin. So nennt sie den Schriftsteller John Middleton Murry einen «blutlosen Floh» und Verfasser von «lehmkalten kastrierten kläglichen komatösen Gedichten»; zu Jack Hutchinson notiert sie spöttisch, er trage «pflaumenfarbenen Samt, wie ein Teewärmer»; im Festspielhaus von Bayreuth, das ihr einen schäbigen Eindruck macht, da sie keinen Platz für ihre langen Beine findet, entdeckt sie nur «ernsthafte Menschen, Deutsche zum grössten Teil, in Säcken, mit symbolischen Zöpfen»; von einem Gast berichtet sie gar, er sei eingeschlafen «wie ein preisgekröntes Schwein», und die Dramatikerin Lucy Clifford versieht sie «mit einem wabbeligen Hals, wie ein orientalischer Truthahn ihn hat, und einem Mund, der sich öffnete wie eine alte Ledertasche oder die intimen Teile einer grossen Kuh».
Wenig erfahren wir über die entstehenden Werke der Autorin, viel dagegen über den Bloomsbury-Kreis mit Lytton Strachey, Saxon Sydney-Turner, John Maynard Keynes, Herbert Read und Bertrand Russell - und über ihre Lektüre. Sie will gern glauben, dass Joyce unterschätzt wird, aber nie hat ein Buch sie so gelangweilt wie «Ulysses». Selten äussert sie sich zu den politischen Ereignissen ihrer Zeit. Der Erste Weltkrieg kommt so gut wie nicht vor; wohl deshalb, weil Virginia Woolf in jenen Jahren in einer schweren psychischen Krise steckte und - mit einem schönen Bild von Eva Menasse - nicht schrieb, wenn sie krank war, so wie kranke Kinder nicht essen.
Vom aufziehenden Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg dagegen ist oft die Rede - zumal Virginias Mann Leonard als Jude besonders bedroht war. Viel spricht auch dafür, dass Virginia Woolfs Selbstmord nicht allein mit der Wiederkehr der gefürchteten Krankheit zusammenhing, sondern auch mit den Bombardierungen Londons und der drohenden deutschen Invasion.

In den Episteln der letzten Jahre wird der leichte Ton etwas ernster; dennoch fällt es schwer zu glauben, dass Virginia Woolfs Briefe von der gleichen Person stammen wie ihre grossen, von äusserster stilistischer Contenance geprägten Romane - oder auch wie ihre feministischen Manifeste. Hätten wir von ihr nur diese Briefe, so sähen wir sie als ganz andere Person - nicht als verängstigte, schon früh von Obsessionen und Suizidgedanken bedrängte Frau, sondern als muntere und weltläufige, zur Sottise neigende und an allem Klatsch und Tratsch interessierte Dame der Gesellschaft.
Das Bemerkenswerteste aber ist, dass diese Briefe bei aller beiläufigen Brillanz und prallen Anschaulichkeit ohne jede Eitelkeit sind. Sie wollen ihre Empfänger nicht beeindrucken, sondern sie ins Vertrauen ziehen, unterhalten, erfreuen. Sie sind auf jede Gefahr hin geschrieben, ohne Netz und ohne Kopie an den Verleger, gar ans Literaturarchiv. In ihren Briefen verschenkt Virginia Woolf mit leichter, grosszügiger Geste alles, was sich an Anmutigem und Kuriosem in den Tiefen ihrer Seele gespiegelt haben mag.
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litart - 7. Aug, 13:19
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litart - 6. Aug, 17:05
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lässt den Triumphmarsch laufen und jubiliert:...
litart - 9. Mai, 14:19
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Nix Fakten. Deine 82 Prozent kannst du dir abschminken....
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litart - 3. Apr, 19:25

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